Newsletter Nr. 37: 10 Jahre Rojava-Revolution – Fest am Samstag 16.7. in Zürich

Liebe Freund_innen und Genoss_innen

Wir blicken zurück auf ein grosses und grossartiges Jubiläum, nämlich auf den 19. Juli 2012, als die kurdische Freiheitsbewegung mit ihrer Jugend an der Spitze im Nordosten Syriens in den Wirren des Bürgerkriegs das begann, was heute als Rojava bekannt ist – von Afrin über Kobane und Qamishlo bis nach Derik. Damit fand einerseits eine Autonomieerklärung vom syrischen Zentralstaat statt – denn die Gesellschaft kann und will sich selber regieren – und andererseits ist es nicht einfach irgendeine Form der Selbstverwaltung, sondern eine dezidiert fortschrittliche Selbstverwaltung, zu deren ideologischen und praktischen Grundstützen beispielhaft die Befreiung der Frauen oder die Gleichberechtigung aller, unabhängig ihrer ethnischen oder religiösen Identitäten, gehören.

Wer heute in die Welt schaut – denn man muss nicht so tun, als sei dieses Projekt nur relativ zum Mittleren Osten progressiv, ganz im Gegenteil, wenn wir schauen, wie sich Gesellschaften nach rechts bewegen – und auf dieses Projekt blickt, weiss, dass dort tatsächlich ein Gegenvorschlag zu dem entwickelt wird, was die kurdische Bewegung die kapitalistische Moderne nennt. Wir hier würden das ungefähr selbe Ding wohl schlicht Kapitalismus nennen, mit seiner Ausbeutung und Unterdrückung, mit all den materiellen und immateriellen Gewaltverhältnissen – Stichwort Rassismus, Patriarchat, Naturzerstörung, um nur einige zu nennen – und weil wir die Dinge hier eben sehr ähnlich sehen, wie es die Freund_innen und Genoss_innen in Kurdistan und der Türkei tun, sind wir diesem Projekt, diesem revolutionären Prozess derart verbunden.

Als Internationalist_innen kümmern uns die Grenzen der Staaten wenig, die Befreiung der Menschen dort mag uns räumlich fern sein, doch in ihrem Inhalt oder Wesen ist es eben auch eine Befreiung – oder eben ein Befreiungsprozess – die auch uns sehr nahegeht. Mehr noch – und das war in den vergangenen Jahren unseres Komitees immer ein wichtiger Bezugspunkt unserer Politik – wir wissen auch, dass die Feinde der Revolution dort eben auch von hier – mal direkt, mal indirekt – unterstützt werden. Machen wir uns nichts vor, die Vernetzungen der Feinde der Revolution sind praktisch so international wie es unsere Solidarität werden muss, sowohl weil der Internationalismus ein wesentlicher Bestandteil fortschrittlicher Politik ist wie auch weil es schlicht eine Notwendigkeit ist angesichts des Feindes, der uns gegenübersteht – egal ob während der Covid-Pandemie oder jetzt angesichts wirtschaftlicher, ökologischer oder kriegerischer Krisen, wir wissen, dass in einer globalisierten Welt letztlich alles mit allem zusammenhängt.

Aus dieser Optik und in diesen Verhältnissen betrachten und begleiten wir Rojava seit bald acht Jahren, denn wir sind mit ein wenig Verzögerung dazugestossen, als nämlich der Islamische Staat vor den Toren Kobanes stand, die Welt hinschaute und derart massiv auf die Strasse ging angesichts dieses derart konkreten Zusammenpralls von Reaktion und Emanzipation, dass sogar die USA mit ihrer ganz eigenen blutgetränkten Geschichte sich dazu gezwungen sah, an der Seite der YPJ und YPG – später: der SDF – einzuschreiten, so dass dann danach Kobane und später ganz Rojava von diesen islamistischen Banden befreit wurde. Viele sind in diesem Befreiungskampf gefallen – sehid namirin!

In den vergangenen Jahren kannte der Prozess in Rojava viele Wendungen, die Angriffe der Türkei sind unerbittlich und in verschiedenen besetzten Teilen Rojavas – wobei hier die USA und die EU wie auch Russland wesentliche Partner der Türkei sind – wird eine demographische Veränderung in all ihrer Brutalität vorangetrieben, die zum Ziel hat, die grösstenteils kurdische Bevölkerung zu vertreiben und bei jedem Gipfel der Herrschenden mit türkischer Beteiligung – wie vor einigen Wochen bei der NATO in Madrid, wie in einigen Tagen bei einer Konferenz der Türkei, Russland und dem Iran – schwebt die Frage im Raum, ob an diesem Gipfel nun das grüne Licht zum nächsten Besatzungsversuch gegeben wird.

Zugleich lässt sich Rojava nicht losgelöst von Bashur oder Bakur betrachten, wo in den Gefängnissen, Bergen und Städten Kurdistans die Sache der Freiheit gegen die Angriffe des Faschismus verteidigt wird.

Wir kennen und anerkennen also die Komplexitäten und Wirren rund um Rojava, was uns aber kein Deut davon abbringt, vom Wesentlichen abzukommen, nämlich dass der Kampf um Rojava für eine freie Gesellschaft auch unser Kampf für eine freie Gesellschaft ist, und dass wir diesen Kampf weder an andere abdelegieren wollen noch können, sondern ihn selbst fortzuentwickeln und fortzusetzen haben. In diesem Sinne auf das nächste Jahrzehnt, an serkeftin, an serkeftin!

Kommen wir zusammen, um die Gegenwart und Zukunft Rojavas mit Musik und Tanz zu feiern, um den tausenden revolutionären Gefallenen zu gedenken, um auf eine Verbindung und Stärkung der Kämpfe dort wie hier hinzuwirken! Auf die nächsten Jahrzehnte des Kampfes – KOMMT VORBEI!

10 Jahre Rojava Revolution
Samstag, 16. Juli 2022 ab 17 Uhr
Ni-una-menos-Platz (Helvetiaplatz), Zürich

Zum Schluss noch vier Lesetipps:

– Das kurdische Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit Civaka Azad macht eine Artikelreihe, die verschiedene Aspekte der Rojava-Revolution beleuchten. Alle Beiträge sind hochspannend, der neuste befasst sich zum Beispiel mit dem Rechtssystem: https://civaka-azad.org/zehn-jahre-rojava-revolution-das-rechtssystem-von-nordostsyrien/, ein anderer Artikel erklärt die Rolle von Öcalan: https://civaka-azad.org/oecalan-fuer-rojava-wichtig/ und ein weiterer thematisiert die ökologischen Herausforderungen: https://civaka-azad.org/revolution-oekologische-gerechtigkeit/

– Die Ko-Vorsitzenden des Exekutivrats der KCK (Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans) haben gestern an die Hungerstreikende vom 14. Juli 1982 erinnert: https://anfdeutsch.com/aktuelles/kck-wie-der-hungerstreik-von-1982-das-unmogliche-moglich-machte-33069

– Die Jineolojî-Fachfrau Rûken Rojda erzählt von der Bedeutung von Jinwar: https://anfdeutsch.com/frauen/jinwar-anziehungspunkt-des-kollektiven-lebens-33063

– Ein Sammelband, der sich mit der Geschichte und der Gegenwart der PKK beschäftigt, ist neu erschienen: «Die Entwicklung der kurdischen Freiheitsbewegung» von Joost Jongerden und Ahmet Hamdi Akkaya, https://anfdeutsch.com/hintergrund/neuerscheinung-die-entwicklung-der-kurdischen-freiheitsbewegung-33039

Bis auf morgen dem Ni-Una-Menos-Platz/Helvetiaplatz in Zürich!

Mit solidarischen und kämpferischen Grüssen
Rojava Komitee Zürich

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