Hintergrundinfos

Rojava ist ein revolutionäres Projekt in Nordsyrien. In Rojava wird inmitten des Krieges eine geschlechterbefreite, ökologische und basisdemokratische Gesellschaft aufgebaut. Dieses Gebiet war lange Zeit einer der sichersten Orte in Syrien, viele Menschen sind dahin geflüchtet und haben sich beteiligt am Aufbau einer Gesellschaft, in der sich Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Religion, Ethnie und Geschlecht gemeinsam organisieren und für eine befreite Gesellschaft kämpfen. Frauen sind an vorderster Front beteiligt und übernehmen eine tragende Rolle. Seit dem Beginn der Revolution in Rojava 2012 wurde das Projekt immer wieder angegriffen und immer wieder erfolgreich verteidigt. Aktuell wird Rojava durch die zweitgrösste NATO-Armee bedroht: Mitte Januar hat die türkische Armee zusammen mit Jihadistischen Banden einen Angriffskrieg auf Afrin (ein Kanton von Rojava) begonnen. Hundertausende Menschen mussten vor den türkischen Bombenangriffen und Bodentruppen flüchten. Seit Mitte Januar leisten die Menschen in Afrin und die Kämpfer_innen von YPG/YPJ Widerstand. Internationale Solidarität ist wichtig.

Geschichte
Die Wurzeln der Revolution von Rojava stecken in der Erde der kurdischen Geschichte. Eine Geschichte, die von Verfolgung, Verleugnung und Massakern gezeichnet ist, und gleichzeitig eine Geschichte des Zusammenhaltens, des Widerstandes und des Kämpfens für eine befreite Gesellschaft ist. 1978 wurde die PKK (die kurdische Arbeiter_innenpartei) gegründet. Organisiert als sozialistische nationale Befreiungsbewegung begann 1984 der bewaffnete Guerillkampf gegen die koloniale Unterdrückung und für die Befreiung Kurdistans. Zuerst für einen unabhängigen kurdischen Staat kämpfend, änderte die PKK ihr Paradigma und erklärte 2004 die Neuausrichtung: der demokratische Konföderalismus. Aufbauend auf den Schriften von PKK-Vorsitzendem Abdullah Öcalan erkannte die kurdische Bewegung, dass ein Staat immer ein Instrument der Unterdrückung ist, und so wäre auch ein kurdischer Staat eine autoritäre Struktur. Obwohl Abdullah Öcalan 1999 durch ein internationales Komplott verhaftet wurde, und seither auf der Insel Imrali in der Türkei in Isolationshaft gehalten wird, kamen seine Verteidigungsschriften, auf denen eben diese Neuausrichtung des demokratischen Konföderalismus basiert, zwischen den Gitterstäben durch. Frauen waren seit der Gründung der PKK beteiligt und bauen seit Jahrzehnten eigene Strukturen auf. Die Frauenbefreiung gilt in der Bewegung als eines der obersten Ziele einer befreiten Gesellschaft. Das Modell des demokratischen Konföderalismus zielt nicht darauf, die Staatsmacht zu übernehmen, sondern durch den Aufbau von alternativen Strukturen die Gesellschaft zu organisieren, und den Staat überflüssig zu machen und abzuschaffen.

Das Rojava Modell
2014 wurde in Rojava die demokratische Autonomie ausgerufen, und die Menschen begannen mit der Idee des Demokratischen Konföderalismus eine radikal basisdemokratische Gesellschaft aufzubauen. In der praktischen Umsetzung heisst das, dass jeder Strassenzug oder jedes Dorf sich selbst als Kommune organisiert. Da werden Entscheidungen getroffen und Komissionen gewählt, die Arbeiten erledigen, die die Kommune betreffen. Die Kommunen schicken Vertreter_innen in den Stadtteilrat, von da aus wird der Bezirksrat gebildet und von dem aus wiederum bildet sich der Volksrat. So wird die Gesellschaft von unten nach oben organisiert. Die Räte werden nicht proportional besetzt, sondern es wird sichergestellt, dass alle Ethnien und Religionen repräsentiert und an den Entscheidungen beteiligt sind, also Assyrer, Araberinnen, Kurden … Überall gibt es eine Frauenquote von 40 Prozent, und jeder Vorsitz wird von zwei Personen, einer Frau und einem Mann co-geführt. Darüber hinaus haben Frauen ihre eigenen Strukturen und Verteidigungseinheiten, damit sichergestellt wird, dass sie nicht übergangen werden können. In Rojava wurden unzählige Kooperativen gegründet, mit denen die Wirtschaft auf eine solidarische Basis gestellt wird, die nicht dazu dient, die Menschen auszubeuten, sondern sie zu versorgen.

Warum interessieren wir uns für Rojava?
Die Revolution in Rojava und der Demokratische Konföderalismus haben eine grosse Anziehungskraft in der Region, weil sich viele Menschen, die ein Leben in Krieg und Unterdrückung leben, danach sehnen, eine alternative und friedliche Gesellschaft aufzubauen. Besonders für Frauen, die durch das Patriarchat doppelt unterdrückt sind, ist die Revolution in Rojava sehr wichtig. Rojava und der Demokratische Könfederalismus haben über die Region hinaus eine grosse Anziehungskraft. Auch in Europa sehnen sich viele Menschen nach einer freien und gerechten, nach einer feministischen und ökologischen Gesellschaft. Immer mehr Menschen ist klar, dass das System, in dem wir leben, so ungerecht ist, und so viel Leid schafft, dass es nicht so weitergehen kann. Es braucht alternative Perspektiven. Der Demokratische Könfederalismus bietet einen Ansatzpunkt, wie so eine Gesellschaft konkret aufgebaut werden kann, ohne die Veränderung weiter in die Zukunft zu verschieben. Die Revolution in Rojava hat gezeigt, dass eine andere Welt nicht nur nötig, sondern auch möglich ist.

Imperialismus und Internationalismus
Genau deswegen, weil die Mächtigen wissen, welches Potential diese Revolution hat, bekämpfen sie diese. Insbesondere dem türkischen Staat, unter Erdogans AKP ist diese Revolution ein Dorn im Auge. Aber auch Europa beteiligt sich am Krieg. Die Schweiz liefert Waffen und viele Schweizer Firmen unterstützen die Türkei mit Geld und Investitionen, und profitieren vom Krieg. Die Selbstverteidigungseinheiten der YPJ und YPG stehen einem scheinbar übermächtigen Feind gegenüber. Aber der Kampf um Kobane, als die YPJ und YPG, teilweise unterstützt durch die USA mit Luftangriffen, den viel besser ausgerüsteten und zahlenmässig überlegenen IS geschlagen haben, hat gezeigt, dass eine Bewegung, die entschlossen für die Freiheit kämpft, nicht so leicht besiegt werden kann. Der türkische Staat versucht seit drei Jahrzehnten die kurdische Befreiungsbewegung zu vernichten. Ohne Erfolg, im Gegenteil ….
Vor allem seit dem Kampf um Kobane 2014/2015 sind auch in Europa Menschen zu Hunderttausenden auf die Strasse gegangen, verantwortliche Strukturen wurden angegriffen, Solikomitees wurden gegründet. Es ist wichtig, dass sich die Menschen auf der Welt verbinden, um gemeinsam für eine bessere Zukunft zu kämpfen.

Wie kannst du dich beteiligen?
Es gibt eine Vielzahl von Mobilisierungen und Veranstaltungen. Du kannst teilnehmen und mehr über Rojava erfahren. Halte dich auf dem Laufenden mit der Agenda und lade deine Freund_innen ein. Unter der Rubrik Was tun? haben wir weitere Möglichkeiten aufgelistet.

Sehr empfehlenswertes Buch, wenn du dich informieren willst über die Struktur, die Konzepte und die praktische Umsetzung der Revolution in Rojava: Anja Flach, Ercan Ayboga, Michael Knapp – Revolution in Rojava. Frauenbewegung und Kommunalismus zwischen Krieg und Embargo (Publikation von der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Kooperation mit TATORT Kurdistan). Das Buch wurde laufend aktualisiert.

Weiterführende Informationen online findet ihr auf verschiedenen Webseites unter den Links.