(vor)kriegszeiten in Rojava (teil 3): Rojava ist eine alternative

Während ich in Kobane diesen text schreibe, wächst in einem anderen teil Kurdistans ein widerstand an, ausgehend vom frauengefängnis in Amed, Nordkurdistan/Türkei. Am 7. november ist Leyla Güven, HDP abgeordnete im knast in einen unbefristeten hungerstreik getreten für ein ende der isolation von Abdullah Öcalan.

der widerstand weitet sich jeden tag mehr aus. aktuell sind 600 gefangene in der türkei im hungerstreik, 250 davon befinden sich im unbefristeten hungerstreik. der protest wird ausserhalb der gefängnisse weitergetragen durch aktionen, demos und solidaritäts-hungerstreiks. Leyla Güven ist inzwischen am 75. tag des hungerstreiks. diese worte schrieb sie letzte woche aus dem gefängnis: „Die Realität eines Lebens, für das es sich lohnt zu sterben, gibt mir die Luft zum Atmen. Wir verfügen nur über unser Leben, und das bringen wir zum Einsatz. Ihr greift uns mit allen dem Staat zur Verfügung stehenden Mitteln an. Dabei handelt es sich selbstverständlich nicht um eine Situation, die nicht überwunden werden könnte. Es gibt immer noch Millionen Menschen, die klar denken können, an die Geschwisterlichkeit der Völker glauben, sich für ein demokratisches, ökologisches und frauenbefreites Leben einsetzen und in einem ethisch-politischen System leben wollen. Eine geht, tausend kommen. Wir werden unsere Grundsätze immer im Kopf behalten und unseren Kampf fortsetzen. Wir haben gewonnen, weil wir Widerstand geleistet haben. Auch jetzt leisten wir Widerstand und werden gewinnen.“

Rojava, der demokratische konföderalismus, die frauenrevolution lebt mit der ideologie der kurdischen befreiungsbewegung. lebt mit der YPJ, YPG, QSD/SDF, lebt mit der gesellschaft. mit menschen, revolutionär_innen, die nicht einen staat verteidigen, keiner unterdrückerischen religion folgen oder irgendeine unterdrückerische lebensform verfolgen. hier kämpfen menschen, die sich für die freiheit entschieden haben, und diese mit allem, was sie haben, verteidigen werden. sie verteidigen ein leben, das lieben bedeutet, eine welt ohne grenzen, ohne unterdrückung und ausbeutung. diese perspektive, dass es möglich ist, alles grausame , das uns durch die systeme, die staaten, die machthabenden angetan wird, zu ändern. rojava wird angegriffen, wie es immer wieder angegriffen wurde. es kann vieles zerstört werden hier, viel schlimmes passieren. doch der glaube an die freiheit, auf ein leben in frieden mit allen völkern, dieser widerstand kann nicht gebrochen werden. dies hat die geschichte immer wieder gezeigt. und dies hat auch die PKK seit 40 jahren im kampf für die freiheit der völker bewiesen. hier leben kurden mit arabern. ezidinnen mit muslimas und christinnen, turkmenen mit assyrerinnen zusammen. und diese zusammenkunft, diese möglichkeit sich anzunähern ist der demokratische konföderalismus. keine grenzen, keine ausschlüsse, stattdessen räte und kommmunen, in denen gemeinsam über das leben entschieden wird. frauen, die sich in allen lebensbereichen selber organisieren und sich aus den händen der männer, des patriarchates lösen. eine wirtschaft, die auf kollektivem basiert, eine gedankenwelt, die das gemeinsame hervorhebt und die kraft des solidarischen als grundlage besitzt.

entschieden verändern und, gemeinsam

widersprüche sind die realität, in der wir gefangen sind, wenn wir sie nicht sehen wollen um weiterzukommen. verbale kompromisslosigkeit wird uns nicht weiterbringen. ein verständnis dazu aufzubauen und aus der geschichte zu lernen ist notwendig.

die einflüsse des kapitalistischen, rassistischen patriarchats, der individualismus und der liberalismus sind in uns allen. wir stehen an verschiedenen punkten der auseinandersetzung damit und gehen diese auch verschieden an. jedoch soll uns das nicht trennen, sondern zusammenbringen. wir wachsen auf in einem system, welches uns glauben lassen möchte, dass wir alleine besser dran sind und wir nichts verändern können. die struktur des staatlichen denkens trennt uns voneinander. um dies zu brechen brauchen wir erstmal eine analyse des staatlichen systems, welches sich in uns festgefressen hat. die lügen des systems in uns gilt es zu entlarven und dagegen anzukämpfen.
wir dürfen uns nicht spalten lassen als revolutionär_innen, widerständige, autonome, anarchist_innen, kommunist_innen, und keine trennung zwischen uns und der gesellschaft machen. und wir müssen unterscheiden zwischen gesellschaft und staat.

es gibt ein anderes leben. uns zurückziehen von der gesellschaft, vom grauen alltag im kapitalistischen patriarchat, ist keine lösung. uns nischen im kapitalismus zu suchen und hinter dem leben nachzurennen wird auch nicht veränderung bringen. schauen wir eher der bestie in die augen, lernen wir sie zu verstehen und bekämpfen wir sie. veränderung ist möglich. und, wir werden die veränderung sein, wenn wir uns gemeinsam auf den weg machen.

gedanken die sich entwickeln während ich hier bin

wenn in unseren herzen nicht verbitterung sondern leidenschaft anfangen kann zu wachsen, ist es das, was verändern wird und mit einer überzeugung getragen wird. und wenn wir bereit sind entscheidungen zu treffen, welche unser leben verändern, welche den kampf gegen unterdrückung, für eine welt in verbundenheit und lebensfreude vorantreiben.

unsere freiheit ist an die freiheit aller anderen gebunden. wir werde nicht frei sein können nur durch unsere eigenen entscheidungen und lebensweisen, die sich nur auf uns, oder auf kleinste kreise beziehen.
es ist eine farce dass wir individuell frei sein können, dass dies das ziel sein kann. eine lüge der machthabenden das staaten uns freiheit geben können. und vor allem wird alle freiheit, von der sie reden, auf den leichen ihrer kriege aufgebaut und mit blut an den händen an uns verkauft. sowie die freiheit der männer im patriarchat, immer die unterdrückung vieler bedeuet.
dagegen gilt es sich zu positionieren, zusammen zu kommen und uns zu organisieren.

ein anfang

ich sehe, wie die freundinnen in der frauenstruktur miteinander umgehen. sie holen auch in mir wohlgefühle, kraft und eine hohe moral hervor. sie begegnen sich und mir mit liebevolligkeit und interesse. der drang, herausstechen zu müssen, verliert an wichtigkeit. ich lerne, dass das schöne in den menschen in seinem wesen liegt, wenn er bei seinen gefühlen ist und daraus handelt.

es eröffnet neue perspektiven, wenn unsere begegnungen im grundsatz ein lernen voneinander bedeuten. das ist ein prozess, der hier durch die frauen angetrieben wird durch vorleben und leben.

und nochmal für die freiheit

für ein leben in freiheit aller muss gekämpft werden. die freiheit kann nie nur frei sein, lerne ich hier. die freiheit ist immer verbunden durch etwas abgeben, etwas weitergeben, durch verantwortung und kompromiss für andere. das ist ein teil der liebe zum leben und den menschen. und wenn der krieg vor der türe steht, der alles das vernichten will, werden wir genau dies tun. wir hören nicht auf zu kämpfen, mit uns, gegen die feinde der freiheit und mit unseren freund_innen zusammen. wir gehen die wege der shehids, die der gefallenen revolutionär_innen -auf der ganzen welt- weiter. ihr kampf lebt in unseren herzen und handeln.
die hoffnungslosigkeit ist ein egoismus, der niemandem hilft. so arbeiten wir nur in die hände der machthabenden. wenn wir verzweifeln an den realitäten, die uns die profiteuere des ausbeuterischem systems weis machen wollen, sind wir nicht im stande, auch andere realitäten zu sehen.
wir kommen nicht weiter, wenn wir nicht auch andere befreiungskämpfe miteinbeziehen in unsere auseinandersetzungen. wenn wir mit unserem eurozentrischen blick andere bewegungen auf der welt nicht ernst nehmen und ihren einfluss nicht erkennen. wenn wir von bewegungen weltweit lernen und aus ihnen kraft schöpfen, können wir die kämpfe internationalistisch führen.

unsere haltung, wie wir im leben stehen, hat in jedem augenblick eine wirkung. lassen wir uns mitreissen von unseren freund_innen, genoss_innen, hevals, von der verbundenheit und dem einfluss, den wir aufeinander haben können. lassen wir uns nicht kleinkriegen und sehen wir die wichtigkeit, das potenzial in jeder einzelnen von uns.
das leben ist etwas grosses. ich erlebe hier tag für tag, wie die kurdische freiheitsbewegung einen lebenswillen vorlebt, der zum widerstand anspornt, mit dem bewusstsein, wofür wir leben und dass da draussen unzählige menschen sind, die für das gleiche kämpfen.
wir sind jetzt hier, und mit jedem atemzug, den wir teilen, stärken wir unseren kampf. wir sind verbunden in unseren gedanken, in unserem gemeinsamen leben für die freiheit. wir sind frei, wenn wir es leben, es miteinander austauschen und diese freiheit verteidigen mit unseren herzen und unserem handeln.

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